..ein Gedicht

 

Eine Kostprobe von Louise Glück,

der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin


 

Übersetzt von Ulrike Draesner

(Bayerische Buchpreis 2020),

die zu Louise Glücks Gedichten schreibt:

"Blumengedichte werden unter Glücks Hand zu einer ungewöhnlichen Form von Nature Writing. Blumen sprechen hier selbst, als Ich, über ihre Art, auf(und in)dieser Erde zu sein."

 

 

 

Der Blutrote Mohn

Es ist herrlich,

völlig geistlos

zu sein. Gefühle:

oh, die hab ich; die

beherrschen mich. Ich hab

einen Herrn im Himmel,

Sonne sein Name, ihm

öffne ich mich, ihm zeig ich

das Feuer meines Herzens, Feuer,

das seiner Gegenwart gleicht.

Was könnte solche Herrlichkeit andres sein

als ein Herz? Oh, Brüder und Schwestern,

wart ihr einmal wie ich, vor langer Zeit,

bevor ihr Menschen wurdet? Habt ihr

euch einmal erlaubt,

euch zu öffnen, um es danach

wie wieder zu tun? In Wahrheit

psreche ich jetzt

auf eure Art. Ich spreche,

weil ich am Boden zerstört bin.


 

The red poppy

The great thing

is not having

a mind. Feelings:

oh, I have those; they

govern me. I have

a lord in heaven

called the sun, and open

for him, showing him

the fire of my own heart, fire

like his presence.

What could such glory be

if not a heart? Oh my brothers and sisters,

were you like me once, long ago,

before you were human? Did you

permit yourselves

to open once, who would never

open again? Because in truth

I am speaking now

the way you do. I speak

because I am shattered.

 

 

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